Paula Bruna Pérez — Jaleo Forestal

Eröffnung, 9. Juni 2026, 18 Uhr
Ausstellung, 10. Juni – 31. Juli 2026

Tack, tacktack, tacktack, tack, tack, tacktack… Erst die Verbindung aus Stampfen, Klatschen und Singen bringt die typischen Rhythmen des Flamencos hervor. Der Tanzgesang, dessen Wurzeln im südlichen Europa Jahrhunderte zurückreichen und sich zu einem ganzen Geflecht musikalischer Unterformen ausdifferenziert haben, wird von Instrumenten wie Kastagnetten, Schellentrommeln und der Gitarre begleitet. Die Texte handeln oft von unglücklicher Liebe, Eifersucht, Trauer und Einsamkeit. Gefühle wie Unterdrückung, Verzweiflung, Wut und die Bewältigung von Schicksalsschlägen prägen viele der Lieder. Schläge und Gegenschläge erzeugen ihren tremolierenden, teils treibenden Klang. Improvisation wird bei dieser bis heute in Andalusien als Folklore zelebrierten Kunstform großgeschrieben, die zugleich in neue Musikgenres und die globale Popkultur Eingang gefunden hat. Durch die Einflüsse der Roma-Kultur, der maurisch-arabischen Musiktradition, sephardisch-jüdischen Kultur und andalusisch-spanischen Volksmusik lebt das historische Erbe kultureller Vielfalt im Flamenco bis heute fort.

„Palos“ heißen die unterschiedlich Tempo-Varianten des Flamencos im Zwölfer-, Vierer- oder Dreier-Takt. „Palo“ bedeutet auf Spanisch zugleich „Stock“, „Stab“, „Zweig“ oder einfach „Holz“ – Begriffe, die sich an der Form eines Baumes orientieren. Gemeint sind aber nicht Wurzeln oder Äste, sondern der Querschnitt des Stammes mit seinen Jahresringen, Astlöchern und den Narben der Zeit, die sich in das Holz eingeschrieben haben. So trägt jeder Palo seine eigene Geschichte, Stimmung und rhythmische Eigenart in sich. Diese Analogie zwischen folkloristischen, von Menschen über die Jahrhunderte entwickelten Strukturen und natürlichen Wachstumsprozessen nimmt die Umweltwissenschaftlerin und Künstlerin Paula Bruna Pérez zum Ausgangspunkt für ihre Recherchen zur Ausstellung Jaleo Forestal [Waldgetöse] im Kunstraum Lakeside.

In ihrer künstlerischen Praxis widmet sich Paula Bruna Pérez ökologischen Themen, den Wechselbeziehungen von Mensch und Natur sowie dem Aufbrechen der Grenzen zwischen menschlich geprägter Kultur und biologischen Prozessen. Mit Installationen, Videos und Skulpturen, die aus ihrer künstlerischen Feldforschung, häufig im Wald, hervorgehen, stellt sie zentrale Fragen über die künstlich erzeugten Trennlinien zwischen Mensch, Tier- und Pflanzenwelt sowie die zukünftige Rolle des Menschen innerhalb der Ökosysteme. Auch Jaleo Forestal enthält zahlreiche Hinweise darauf, dass ein wirkliches ökologisches Bewusstsein nur entstehen kann, wenn wir Menschen die Existenz von anderen Zeitlichkeiten, räumlichen Maßstäben und Protagonist*innen anerkennen.

In ihren Arbeiten für den Kunstraum Lakeside entwirft Bruna Pérez fiktive Szenarien, die sich vom Paradigma des Anthropozäns – der aktuellen geologischen Epoche, die vom Menschen als Hauptakteur dominiert wird – abheben. In Abkehr von der Hegemonie des Menschen öffnet sich ein Raum für para-menschliche Beziehungsformen, in denen Pflanzen und andere Lebensformen als gleichwertige Akteur*innen im Ökosystem gelten. Die Künstlerin untersucht, wie unsere kulturellen Narrative von Natur und Umwelt die Wahrnehmung von nicht-menschlichen Entitäten beeinflussen, und fordert eine neue Perspektive auf ökologische und geologische Prozesse. Die politischen und philosophischen Dimensionen des Anthropozäns vermessend, macht sie zugleich die Notwendigkeit deutlich, die vorherrschende menschengeprägte Vorstellung von Natur zu verändern. Denn nicht mehr allein der Mensch und seine Technologie sollten das Schicksal der Erde bestimmen, sondern eine Vielheit nicht-menschlicher Akteur*innen, die gemeinsam den Planeten gestalten. Erst dann wird es möglich, so die Künstlerin, ökologische Diskurse aus einer transdisziplinären und kollaborativen Sichtweise anzugehen und die Ausbildung einer alternativen, nachhaltigen Ästhetik der Natur zu befördern.

Aber zurück zum Klappern der Kastagnetten im Süden Spaniens: Tack, tacktack, tacktack, tack, tack, tacktack… Paula Bruna Pérez zeichnet mit Jaleo Forestal die Ähnlichkeiten zwischen einer historisch gewachsenen Kunstform und einer an ein Diagramm mit konzentrischen Kreisen erinnernde Baumscheibe nach, von der Umwelteinflüsse auf das Wachstum der Pflanze abgelesen werden können. Ausgangspunkt hierfür sind Luftblasen, Embolien, die sich im hydraulischen System von Bäumen bilden, wenn in der Umgebung zu lange Trockenheit herrscht, und damit den überlebensnotwendigen Transport von Wasser durch die Pflanze blockieren. „Pflanzenembolien erzeugen einen Ultraschallton“, so die Künstlerin, „der, wenn er in den Hörbereich eines Menschen gebracht wird, an unregelmäßig klappernde Kastagnetten erinnert. Oder an eine hölzerne Stimme, einen Flamenco-Ausruf, der der Sonne entgegengeschleudert wird. So verstanden, wird der Wald zu einem Chor, der seinen Lebenszustand besingt.“ Es handelt sich um musikalische Manifestationen, die aus der Natur stammen und die Paula Bruna Pérez mit dem kulturellen Erbe Spaniens und damit über Europa hinaus mit ökologischen Fragestellungen unserer Zeit in Verbindung bringt.

Im Ausstellungsraum ist neben einem Klangstück, das die dem menschlichen Ohr sonst unzugänglichen Geräusche in Töne übersetzt, auch eine Installation zu sehen, deren Form auf Paula Bruna Pérez’ künstlerische Beforschung eines kleinen Waldstücks in Mesa de Mazmúllar bei Málaga im Süden Spaniens zurückgeht. Zu kleinen transluzenten Objekten aus Baumharz — Blüten, Samenkapseln, Knospen und Triebe — fügen sich getrocknete Fundstücke aus dem Wald. Dünne Äste mit ihren Verzweigungen und Knoten lassen sich dabei wie musikalische Notationen lesen. Tack, tacktack, tacktack, tack, tack, tacktack… Darüber hinaus bilden zarte Skulpturen aus gebogenem Kupferrohr, die gleichermaßen Baumsprösslinge und das hydraulische Leitsystem im Inneren der Bäume zitieren, einen Kreis. Mit ihren menschenähnlichen Dimensionen scheinen sich diese im Raum verteilten Elemente zu einem gemeinschaftlichen Ritual im Kunstraum Lakeside zusammengefunden zu haben. Sie feiern, sie tanzen, sie zelebrieren den Flamenco. Bei Jaleo Forestal handelt es sich um die Abstraktion eines Waldes, dessen Wesen wie in einem Chor ihre Befindlichkeiten besingen. Jedes Element gibt einen eigenen Klang ab – und erzählt dabei seine eigene Geschichte des Schmerzes und des Überlebenskampfes in einer unwirtlich, ja feindlich gewordenen Umgebung. Überlagerungen und Vielstimmigkeit erzeugen ein bewusstes Durcheinander an Klang und Bewegung. In der kulturellen und insbesondere musikalischen Tradition des Flamencos kommt „Jaleo“ eine ausdrücklich positive Bedeutung zu: Gemeint sind die Zurufe, Anfeuerungen und rhythmischen Einwürfe aus Klatschen oder Zwischenrufen, die das Geschehen antreiben und intensivieren: „¡Olé!“, „¡Vamos!“

Den Wald begreift Paula Bruna Pérez als eine „Panda [Musikgruppe] de Verdiales“. Die Verdiales (abgeleitet vom Olivenanbaugebiet Los Verdiales) sind ein traditioneller Fandango aus der Provinz Málaga, der historische Bezüge zu Sonnenkulten aufweist. Die Musiker*innen und Tänzer*innen treten im Freien auf und folgen einem Rhythmus, der eine tranceartige Wirkung entfalten kann. Ihre Mitglieder, die „Fiesteros“, versammeln sich im Kreis, um ihren Flamenco zu zelebrieren. „Auch der Wald richtet sich in seiner eigenen Weise auf die Sonne aus“, so die Künstlerin über diese Verschränkung mit biologischen Prozessen, „als Quelle von Leben und Vergänglichkeit. Er wächst, vergeht und erneuert sich im Licht, das ihn zugleich nährt und begrenzt. In ihrem ‚Lied des Waldes‘ danken und klagen die Fiesteros, sie feiern das Leben und richten den Blick auf das Kommende.“ Gemeinsam bilden sie eine Waldgemeinschaft, die ihr Leben im Rhythmus der Sonne und der Jahreszeiten feiert.

Folklore, im ursprünglichen Sinn aus den Worten „folk“ (Volk) und „lore“ (Erzählung) zusammengesetzt, verweist über die Überlieferungen eines Kollektivs hinaus auf das Erzählen selbst als sozialen und zugleich offenen Prozess. Damit verschiebt sich der Fokus: Nicht ein in sich abgeschlossener Inhalt steht im Zentrum, sondern die Frage, wie Geschichten entstehen, wer sie (weiter) trägt und welche Perspektiven und Lebensräume dabei sichtbar werden. Tack, tacktack, tacktack, tack, tack, tacktack… Dazu gehören ausdrücklich auch nicht-menschliche Akteur*innen: der Wald, das Holz, die Ströme des Wassers im Inneren der Pflanzen oder die rhythmischen Prozesse biologischer Spannungen und Entladungen. Diese Entitäten „erzählen“ nicht im anthropomorphen Sinn, sondern erweisen sich als materielle und akustische Spuren, die nur in einem erweiterten Verständnis von Wahrnehmung und Interpretation zugänglich werden. Folklore erscheint so als ein Flechtwerk von Erzählweisen, in dem menschliche und mehr-als-menschliche Stimmen gemeinsam Bedeutung hervorbringen; und das daher erneut die Frage aufwirft, wer die sozialen, ökologischen und technologischen Scripts bestimmt, die unsere Gesellschaft heute prägen.

Paula Bruna Pérez (* 1978 in Spanien) lebt und arbeitet in Barcelona.
www.paulabruna.com

 

Paula Bruna Pérez, bosque termica (process image), 2024

 
 
Wissenschaftliche Zusammenarbeit:
Institut für Botanik, BOKU Wien (Sabine Rosner, Peter Hietz)
Institut für Botanik, Universität Innsbruck (Stefan Mayr, Barbara Beikircher, Adriano Losso)
CREAF-UAB (Jordi Martínez Vilalta, Ivette Serral Montoro)

Technische Zusammenarbeit:
Axolot (Sounddesign)
Carlos Vásques Méndez (Soundtechnik)
Carmen Romero Valverde (Verdiales, Gesang)
Daniel Vilalta Lozano (Verdiales, Musik)
Ana García Villanueva (Fotografie)
María Peinado (Grafikdesign)

Dieses Werk entstand im Rahmen des Residenzprogramms „Tabacalera“ (Promoción del Arte, spanisches Kulturministerium), finanziert von der Europäischen Union – NextGenerationEU.