Eröffnung, 25. November 2025, 18 Uhr
Ausstellung, 26. November 2025 – 16. Jänner 2026
Was wäre, wenn. Was wäre, wenn die Petro-Elite aus den Vereinigten Arabischen Emiraten so absurd reich wäre, dass sie ihre Finanzkraft nicht nur mit dem Bau künstlicher Archipele vor Dubai zur Schau stellte, sondern auch mit der Herkunft der Eiswürfel in ihren Cocktails? Was wäre, wenn es ein Unternehmen gäbe, das Blöcke aus Gletschereis in Grönland erntet, um es als das „teuerste Eis der Welt“ zu vermarkten? Eis, das über 100.000 Jahre alt und daher frei von modernen Verunreinigungen ist. Eis, das sich daher – so das Marketingkonzept – in kleine Würfel oder Perlen geformt, besonders gut für Cocktails eignet. Was wäre, wenn das Unternehmen Arctic Ice nicht nur tatsächlich dieses Eis aus der Polarregion in die Wüste brächte, sondern auch Testimonials fände, die für dieses Produkt werben? Zum Beispiel den Spitzenkoch Alain Moreau, der folgendermaßen zitiert wird: „In meiner zwei Jahrzehnte langen Erfahrung als Koch der Haute Cuisine bin ich noch nie auf eine Zutat gestoßen, die so poetisch ist wie Arctic Ice. Seine Textur, seine leise Präsenz im Glas. Es macht einen Cocktail zum Erlebnis, eine Konsumation zu einer Erinnerung. Das ist kein Wasser. Das ist aus Eis geformte Zeit. “*
Es gibt das Unternehmen Arctic Ice. Und ja, es gibt Personen, die ihren Namen für die Vermarktung dieses Produkts zur Verfügung stellen, sowie Angestellte, die dafür sorgen, dass die Firma Profit erwirtschaftet. Etwa indem sie die Vision von Arctic Ice verfassen, derzufolge nicht nur die Bedürfnisse seiner exklusiven Klientel erfüllt, sondern auch die Umwelt erhalten, lokale Gemeinschaften unterstützt und soziale Gerechtigkeit gefördert werden sollen.** Neben Werbetexter*innen gibt es unzählige weitere Personen, die sich der Vermarktung und dem Verkauf dieses und vergleichbarer Artikel verschreiben, darunter auch Fotograf*innen, die das fertige Produkt gekonnt in Szene setzen.
Mara Novak nimmt Arctic Ice zum Ausgangspunkt ihrer Fotoserie. Auch sie inszeniert Eis, leuchtet es akribisch aus und fotografiert es. Mehr noch, sie nimmt sich Zeit für das Testen von Materialien, die Herstellung von Cocktailgläsern aus Eis, für das Belichten in der Dunkelkammer. Doch bei ihr geht es nicht um den Verkauf eines Produkts oder den Verkauf ihrer Integrität. Vielmehr lotet sie in einer freien Experimentieranordnung aus, wie Materialien, Prozesse und Konventionen der Fotografie miteinander interagieren, um schließlich das Bild eines komplexen sozio-medialen Gefüges hervorzubringen.
Etymologisch wird das Wort „Fotografie“ aus „Zeichnen mit Licht“ hergeleitet. Damit aus so etwas Immateriellem wie Licht ein dauerhaftes Bild entstehen kann, werden chemische Substanzen, optische Verfahren und Speichermedien benötigt. Zudem erfordert die Herstellung von Fotografien meist komplexe Apparaturen. Der Bedarf nach derartigen Abbildern hat wiederum vielfältige sozio-ökonomische Gründe. Mara Novak schafft mittels fotografischer Verfahren Bilder, die über die Bedingungen ihrer Entstehung, ihre eigenen Voraussetzungen erzählen. Dies geschieht mitunter ganz buchstäblich, bringt die Künstlerin doch Techniken aus der Frühzeit der Fotografie wie Lochkameras zum Einsatz, um ihr Atelier oder Ausstellungsräume aufzunehmen und in einen fotografischen Prozess zu übersetzen. Der medienreflexive Zugang findet sich auch in Novaks Aneignung von kommerziellen Stockfotos, die sie in reale Kontexte integriert, um einen Bruch in der Wahrnehmung herbeizuführen. In anderen Arbeiten geht es ihr darum, die Grenzen zwischen (digitalen) Bildern und (sozialen) Räumen auszuloten. Im Fall ihrer jüngsten Werkserie bringt die Künstlerin Verfahren der analogen Produktfotografie zur Anwendung und spielt sowohl mit der Fetischisierung von Waren als auch mit der auratischen Aufladung analoger, künstlerischer Fotografie.
Die für den Kunstraum Lakeside erarbeitete Werkserie verortet das Jahresthema Glitch nicht im Fehler einer Apparatur, sondern in der menschlichen Wahrnehmung. Mara Novak fokussiert auf das Phänomen der optischen Vergrößerung von Objekten unter Wasser und verknüpft ihre Erkundung dieser Wahrnehmungs-„Störung“ mit der Klimakrise. Vergleichsweise hoch im Ausstellungsraum angebracht, scheinen die porträtierten Cocktailgläser aus Eis unter- und oberhalb eines imaginären Wasserspiegels aufgenommen worden zu sein. Selbst die Rahmen der großformatigen Fotografien weisen einen Größensprung auf. Die Skalierung auf Ebene des fotografischen Bilds verdankt sich einer rein analogen Manipulation in der Dunkelkammer durch eine nacheinander stattfindende Belichtung des unteren und oberen Bildbereichs. Um dabei einen möglichst einheitlichen Hintergrund zu erhalten, ist genaue Kenntnis des Materials und ein langer Prozess des schrittweisen Herantastens an das intendierte Ergebnis unerlässlich.
Mara Novak, die sich als Bildhauerin versteht, begreift das fotografische Material als Co-Produzenten ihrer Bilder. Erst die Eigenständigkeit des Materials, seine bekannten Eigenschaften und unvorhersehbaren Reaktionen führen zu Fotografien, die mehr sind als das Resultat der künstlerischen Konzeption. Trotz der prinzipiell vorhandenen fotografischen Reproduzierbarkeit bringt sie also Bildprozesse zur Anwendung, die sich nie exakt wiederholen lassen und die entstandenen Fotografien zu Unikaten machen.
Teil der Ausstellung My drink tastes like apocalypse sind auch modellartige Skulpturen von Teilen der Palm Islands, jener künstlichen Inselgruppe vor Dubai, die seit den frühen 2000er Jahren im Gewässer des Persischen Golfs angelegt wird. Die aus Millionen Kubikmetern Sand und Gestein aufgeschütteten Landmassen sind nicht nur Sinnbilder der immensen Finanzkraft und touristischen Ambitionen des Emirats, sondern haben erhebliche reale Auswirkungen auf das Ökosystem des Persischen Golfs. So veränderte der Bau der Inseln die natürlichen Meeresströmungen, führte zu erodierenden Küstenlinien, der Zerstörung mariner Lebensräume wie Korallenriffe und begünstigte die Trübung des Wassers.
In Novaks Skulpturen, Miniaturen des Anthropozäns, materialisiert sich dieses Spannungsfeld: Der künstliche Boden für Luxusimmobilien, Freizeitwelten und maritime Exklusivität erscheint als prekäres Gebilde, dessen Existenz von denselben ökologischen Prozessen bedroht ist, die es selbst mitverursacht. Während die Palm Islands vor Dubai bereits heute dem Risiko des steigenden Meeresspiegels ausgesetzt sind, halten Novaks Skulpturen die Balance zwischen dem „noch nicht“ und „nicht mehr“ Bebauten. Am Boden des Ausstellungsraums präsentiert, wirken sie wie künstliche Unterwasserwelten in Aquarien. Durch Fragmentierung und Verschiebung der Größenverhältnisse wird die Fragilität dieser menschengemachten Paradiese sichtbar und damit die Hybris der immer noch weitverbreiteten Vorstellung, dass es möglich wäre, die Natur zu beherrschen.
Mit My drink tastes like apocalypse verweist die Künstlerin auf ungebremsten Konsumismus und kognitive Dissonanzen im Hinblick auf die anthropogene globale Erderwärmung, ohne den mahnenden Zeigefinger zu heben. Dabei drängt sich die Frage auf, ob nicht das vorherrschende Wirtschaftssystem als Teil der Technosphäre ein Glitch im planetaren Gefüge ist. Mara Novak begegnet ihr, indem sie sich Bildverfahren der Vermarktung von exklusiven Immobilien und Produkten aneignet und neu kontextualisiert. Solcherart der Deutungsmacht von Immobilienkonzernen und Luxusmarken entzogen, führt die Künstlerin paradigmatisch die Absurdität gegenwärtiger wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen vor Augen. Sie tut dies mit einem Gefühl für eine gute Story, handwerklicher Präzision, einem Sinn für Schönheit sowie mit einer guten Portion Humor.
Mara Novak (* 1987 in Österreich) lebt und arbeitet in Wien.
www.maranovak.com
* Siehe https://arcticice.ae, abgerufen am 04.11.2025. Kurz nach Verfassen dieses Texts wurde die Webpage arcticice.ae entfernt. Anstatt der dort präsentierten Storys zu „Arctic Ice Dubai“ und „Arctic Ice Greenland“ findet sich seit Mitte November 2025 die im Umfang deutlich reduzierte Seite https://arctic-ice.eu. In ähnlicher Aufmachung werden hier statt Eiswürfeln aus der Polarregion nun solche von slowenischen Gletschern angeboten.
** Siehe https://arcticice.ae/pages/the-story, abgerufen am 04.11.2025.












