Kuratiert von Huda Takriti
Filmvorführung und Gespräch
29. Mai 2026, 18 Uhr
Christian Ghazi, Hundred Faces for a Single Day | 1972, 63 min
“Es ist mir egal, wann oder wie ich sterben werde, solange es bewaffnete Männer gibt, die den Marsch fortsetzen und mit ihrem Getöse die Erde erzittern lassen, auf dass die Welt über all den Leichen der schuftenden, elenden und unterdrückten Menschen niemals in einen tiefen und festen Schlaf verfallen möge.”
Mit diesem Worten endet Christian Ghazis avantgardistisches Meisterwerk Hundred Faces for a Single Day. In einer Mischung aus Spielfilm und Dokumentation formulierte der libanesische Regisseur und Aktivist eine scharfe Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft Beiruts während des sogenannten Goldenen Zeitalters des Libanon, das 1975 mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs ein Ende fand. Der Film ist ein Essay über Arbeit, Klasse, soziale Beziehungen und Widerstand. Ghazi bezeichnete ihn als sein „Manifest des Kinos“ – ein kraftvolles und polemisches Werk, das an die frühen Jahrzehnte filmischer Experimente anknüpft und zugleich radikale Techniken in Tonmontage, Schnitt und direkter politischer Darstellung entwickelt.
Christian Ghazi wurde 1934 in der Türkei als Sohn eines libanesischen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Aufgewachsen in Syrien, ließ er sich 1939 mit seiner Familie im Libanon nieder, wo er studierte, arbeitete, sein Zuhause hatte und schließlich die Zerstörung seines Lebenswerks, die Verbrennung all seiner Filme, miterleben musste. Die ersten zwölf Dokumentarfilme, die 1964 im Auftrag des Tourismusministeriums entstanden, wurden verboten und verbrannt, weil sie als subversiv galten. Der Filmemacher schuf insgesamt 29 Filme, die sich überwiegend mit dem palästinensischen Widerstand, aber auch mit dem libanesischen Krieg, Elend und dem Schicksal von Geflüchteten beschäftigten. Das einzige erhaltene Werk aus dieser Zeit ist Hundred Faces for a Single Day.
Huda Takriti (* 1990 in Syrien) lebt und arbeitet in Wien.
www.hudatakriti.com
