(Re-)Writing Scripts #3 | Mohamed Abdelkarim

Filmvorführung und Performance
9. Oktober 2026, 18 Uhr

Lange Nacht der Museen (Filmvorführung)
3. Oktober 2026, ab 18 Uhr

I Almost Forgot The Roving Body…Let’s Call It The Future | 2021, 7:12 min
Gazing…Unseeing | 2021, 7:50 min
A Song For The Loose Destiny | 2022, 15 min

Zukunft, Landschaft, technologische Infrastrukturen, Überwachung und migrierende Körper: Die letzte Ausgabe der Veranstaltungsreihe (Re-)Writing Scriptsgeht mit drei Kurzfilmen des ägyptischen Künstlers Mohamed Abdelkarim der Frage nach, wie gesellschaftlich tief verankerte Narrative unser Denken und Handeln unbewusst strukturieren. Mustererkennung wird dabei zur politischen und ästhetischen Praxis: Denn erst wenn wiederkehrende „Logiken“ als solche erkennbar werden, verlieren sie ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit und öffnen Raum für andere Erzählweisen, für das Umschreiben bekannter Erzählungen. In Sinne dieses Zugangs setzen sich Mohamed Abdelkarims drei filmische Arbeiten aus je unterschiedlicher Perspektive mit Zukünften nach einer Katastrophe auseinander. Er entwirft spekulative Szenarien, in denen die Gegenwart mitsamt ihren Technologien, Landschaften und politischen Ordnungen als Ruine erscheint und das filmische Jetzt als Nachwirkung eines nicht näher benannten Bruchs auftritt. Auch wenn das Filmmaterial konkrete Orte abbildet und aus unserer Gegenwart stammt, entfalten die Filme eine Unbestimmtheit, die es ermöglicht, grundlegende Fragen über den „Fortschritt“ und die scheinbare Unausweichlichkeit einer bevorstehenden (Umwelt-)Katastrophe zu stellen.

A Song For The Loose Destiny zeigt den stillgelegten Industriestandort Zollverein und eine Gruppe von Menschen, deren Reden, Lieder und Gedichte aus dem Off eine seltsam entfremdete Landschaft heraufbeschwören, die gleichermaßen Zeugnis von technologischem Fortschritt wie Niedergang ablegt. Mit den dystopischen Bildern zwischen filmischer Dokumentation und ihrer technischen Nachbearbeitung blickt Abdelkarim auf eine Zukunft zurück, die auch unsere Vergangenheit sein könnte. Die Stimmen, die zu hören sind, stammen, ihrem Akzent nach zu urteilen, aus dem Süden der Vereinigten Staaten, der führenden Industrienation also, in der sich schon seit Jahrzehnten unsere Zukunft in Form von verwüsteten Industrielandschaften und verseuchten Böden abzeichnet. Hier leben nur mehr diejenigen, die nicht die Mittel haben, in die jeweiligen neu geschaffenen Industriezentren zu ziehen.

Gazing…Unseeing verschiebt diesen Blick in ein pseudo-dokumentarisches Interviewformat: Eine geflüchtete Figur berichtet aus einer Stadt nach der Flut und durchläuft dabei verschiedene Positionen und ideologische Wendungen rund um Fragen wirtschaftlicher Souveränität. So verhandelt der Film die Verflechtungen von Infrastruktur, Privatisierung, Ökologie, Überwachung und Migration und imaginiert, wie sich das Verhältnis von grünen Bewegungen, Regierungen und Privatwirtschaft in naher Zukunft ganz plötzlich neu ordnen könnte. Hier werden die uns umgebenden Skripte nicht besungen, sondern einem Verhör unterzogen. I Almost Forgot The Roving Body…Let’s Call It The Future verlagert die Erzählung schließlich ganz von menschlichen auf technologische Subjekte: In einer Welt voller Drohnen und ohne Menschen folgt der Film dem Flugobjekt auf seiner Reise in Richtung Norden. Im Gespräch mit einer anonymen Figur im Hintergrund bieten sich Einblicke in Konflikte und die gegensätzlichen, in Infrastrukturen und Geografien eingeschriebenen Machtverhältnisse; doch nun ist die Drohne selbst die Trägerin eben dieser Machtverhältnisse und der Mensch aus dem Bild verschwunden. Während der erste Film eine gemeinschaftliche, körperliche und poetische Stimme als Kontrapunkt zu dieser Kulisse setzt, arbeiten die beiden anderen mit fiktiven Interviewsituationen, die bestehende Machtgefüge wie Staat, Kapital oder Grenzregime aus der Zukunft heraus befragen.

Mohamed Abdelkarim (* 1983 in Ägypten) lebt und arbeitet in Rotterdam und Kairo.
www.mohamedabdelkarim.com

 

Mohamed Abdelkarim, A Song For The Loose Destiny | 2022, 15 min