Kein gutes Leben ohne Fortschritt. Natur ist Ressource. Land ist Eigentum. Gewalt beginnt dort, wo Menschen blutend zu Schaden kommen. Palästinenser sind islamistische Terroristen, Musliminnen unterdrückte Frauen. Es gibt Skripts, die so tief in unser gegenwärtiges Denken eingeschrieben sind, dass sie kaum mehr als solche erkennbar sind. Diese unter der Oberfläche wirksamen Narrative bestimmen, wie unsere Welt erzählt wird. Sie legen fest, was als Krise gilt und welche Katastrophen im Gegenzug kaum Aufmerksamkeit erhalten, wogegen etwas unternommen wird und was als unvermeidlich hingenommen wird.
Doch Skripts sind veränderbar und Narrative können umgeschrieben werden. Damit geht jedoch einher, gesellschaftliche Mechanismen wie (neo-)koloniale Landnahme, Enteignung von Menschen, Ausbeutung von Landschaften und die systematische Zerstörung von Gesellschaften wie Ökosystemen zu benennen, sie sichtbar und begreifbar zu machen. Es gilt, diese Formen von Gewalt als sich einschleichende Standardabläufe, als repetitive Codes nekropolitischer Entscheidungen zu erkennen und ebenso zu ächten, wie das bei Terroranschlägen und – vergangenen – Kriegen der Fall ist. Die Veranstaltungsreihe (Re-)Writing Scripts nimmt derartige Muster in den Blick und fragt danach, wie sie entstanden sind, wie sie fortgeschrieben werden und auf welche Weise sie unser Denken, Fühlen und Handeln begrenzen. Wie lassen sich Schlüsselbegriffe wie Sicherheit, Verteidigung, Terror oder Konflikt neu lesen, verschieben oder überschreiben, um andere Formen des Darüber-Sprechens und Verstehens zu ermöglichen?
(Re-)Writing Scripts ist ein Versuch, binär codierte Skripts durch vielschichtigere Geschichten zu ergänzen. Ziel ist es nicht, eindeutige Antworten zu liefern, sondern neue Diskussionsgrundlagen zu schaffen. (Re-)Writing Scripts begreift Mustererkennung als politische und ästhetische Praxis. Wenn wiederkehrende Logiken sichtbar werden, verlieren sie ihren Anspruch auf Naturgegebenheit und eröffnen Räume für Veränderung. Zeile für Zeile. Pixel für Pixel. Solidarische Zusammenkünfte für solidarische Zusammenkunft.
(Re-)Writing Scripts #1
Kuratiert von Kino Palestine, Prag
Filmvorführung und Gespräch
20. März 2026, 18 Uhr
(Re-)Writing Scripts #2
Christian Ghazi, Hundred Faces for a Single Day (1972)
Kuratiert von Huda Takriti
Filmvorführung und Gespräch
29. Mai 2026, 18 Uhr
(Re-)Writing Scripts #3
Mohamed Abdelkarim
Filmvorführung und Gespräch
9. Oktober 2026, 18 Uhr
(Re-)Writing Scripts #4
11. Dezember 2026, 18 Uhr
Anmerkungen zur Programmierung: Es wäre möglich, Werke und Positionen aus vielen Regionen der Welt zusammenzuführen, doch haben wir uns bewusst dafür entschieden, den Fokus auf filmische und künstlerische Arbeiten von Palästinenser*innen und Araber*innen zu legen. Denn die mediale Berichterstattung zu Israel und Palästina der vergangenen Jahre hat sehr einprägsam gezeigt, wie zentral die Frage danach ist, wer eine Stimme erhält und wem das Recht abgesprochen wird, die eigene Geschichte zu erzählen. Mit der Auswahl für diese Veranstaltungsreihe möchten wir nicht das Existenzrecht des Staates Israel gegen die Existenz von Palästinenser*innen ausspielen. Vielmehr fühlen wir uns einem Wertesystem verpflichtet, in dem nicht nationale oder religiöse Zugehörigkeit darüber entscheiden, wem unsere Solidarität gilt, sondern die Frage, ob Menschenrechte geachtet werden oder nicht. Wir verstehen (Re-)Writing Scripts auch als Möglichkeit, uns als Österreicher*innen mit unserer eigenen historischen Verantwortung auseinanderzusetzen. Gerade weil antisemitische Vorurteile in unserem Land vielfach ungebrochen weiter wirksam sind, dürfen wir antipalästinensisches Ressentiment, orientalistische Stereotypien und Islamfeindlichkeit nicht ausblenden.
Gudrun Ratzinger & Franz Thalmair