Oscar Cueto — Entwurf für kein Museum

Eröffnung, 21. April 2026, 18 Uhr
Ausstellung, 22. April – 22. Mai 2026

MUME Museo Mexicano ist ein nomadisches Anti-Museum, das von Oscar Cueto mit dem Ziel gegründet wurde, alternative Erzählungen im Kontext der gegenwärtigen geopolitischen Umwälzungen und globalen Migrationsbewegungen zu provozieren. Im Namen einer Institution agierend, lädt Cueto international tätige Kulturarbeiter*innen ein, gemeinsame Projekte in Österreich und darüber hinaus zu präsentieren. Jede neue Ausgabe von MUME richtet sich in Umsetzung und Format nach den Inhalten des jeweiligen Projekts, um den Herausforderungen der Gegenwart aus möglichst vielfältigen künstlerischen Positionen zu begegnen und Diskursräume über kulturelle und gesellschaftliche Normen abseits des gewohnten Kulturbetriebs zu öffnen. Migration wird als zentrales Thema durch das Prinzip der Zusammenarbeit sichtbar und hörbar gemacht. Mit den Stimmen marginalisierter und oft übersehener Gemeinschaften, die am Rande ethnischer, sozialer, geografischer, wirtschaftlicher oder politischer Privilegien arbeiten, verstärkt sich das Prinzip geradezu. Indem sie überholte Vorstellungen und Überzeugungen demontieren, die Funktion von Institutionen und die klassischen Rollen der Kunst neu definieren, vertikale Hierarchien durchbrechen sowie die dominanten Verwertungsstrategien und Warenförmigkeit der Kunst hinterfragen, wird MUME zu einem dynamischen Raum, der künstlerische Produktion nicht nur aus ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch als Ausdruck politischer und sozialer Verantwortung erfahrbar macht.

Ein „Anti-Museum“ wie das MUME versteht sich als kritische Antwort auf traditionelle Museumsstrukturen, die häufig als elitär und normativ wahrgenommen werden. „Mit MUME stelle ich mir auch die Frage“, so Oscar Cueto, „ob es noch möglich ist, das Museum als Werkzeug zu begreifen, das den Bedürfnissen der Gemeinschaft dient, statt sich um nationales Branding oder Stadtmarketing zu bemühen oder sich selbst in Form von Franchise-Modellen zu reproduzieren. Gibt es eine Zukunft für das Museum als einen Ort (in Zeit und Raum), an dem die Gemeinschaft zusammenkommen kann, um Werte und Erfahrungen zu teilen, Erinnerungen zu bewahren und gemeinsam zu entscheiden, wann ein Neuanfang notwendig ist?“ MUME verweigert sich der gängigen Vorstellung von Museen als dauerhafte, statische Institutionen, die Kunstwerke als isolierte Objekte zur Schau stellen. Stattdessen versteht es Kunst als Prozess, der sich in ständiger Wechselwirkung mit sozialen, politischen und kulturellen Kontexten vollzieht. Im Unterschied zu Avantgarde-Museen oder Museumskonzepten, die von Künstler*innen im Sinne ihrer individuellen Vision gestaltet werden, bietet das Anti-Museum einen Gegenentwurf zur institutionalisierten Kunstwelt, worin die Trennung zwischen Kunst und Gesellschaft aufgehoben ist und der Dialog mit marginalisierten Perspektiven im Vordergrund steht.

In der Ausstellung Entwurf für kein Museum reagiert Oscar Cueto auf den Kunstraum Lakeside, einen Ausstellungsraum, der ähnlich wie MUME selbst zwar kein Museum ist, aber sich seit mehr als 20 Jahren als Institution an der Peripherie der sonst in Österreich auf größere Ballungszentren konzentrierten Kunstwelt behauptet. Es handelt sich um eine Institution inklusive aller Ein- und Ausschlussmechanismen, die sich im Lauf der Zeit und mit den wechselnden Programmen, Schwerpunktsetzungen, Geschmäckern und Vorlieben unterschiedlicher Kurator*innen geformt und dem eigenen Blick gegenüber unsichtbar manifestiert haben. Als künstlerischer Entwurf von Josef Dabernig ins Leben gerufen, versteht sich der Projektraum seit seiner Gründung als eine Art „Stachel im Fleisch“ des Wissenschafts- und Technologieparks, der ihn beheimatet, an einem Ort also, an dem ansonsten wirtschaftlich-technologische und damit soziale Verhältnisse eher vor dem Hintergrund von Effizienzsteigerung und Profitmaximierung einzelner Unternehmen reflektiert werden als zum Zweck des Gemeinwohls. Was passiert aber, wenn der Kunstraum als Werkzeug zur (Selbst-)Reflexion kaum wahrgenommen wird? Wenn anstatt seines kritischen Potenzials und seines möglichen Beitrags zur Hinterfragung bestehender Ordnungen nur seine Funktion als Ort der Distribution kulturellen Kapitals wirksam wird? Wenn also der Kunstraum Lakeside eher museal agiert, als seinem selbstgewählten Auftrag, „Stachel im Fleisch“ zu sein, nachzukommen? Dann ist es höchste Zeit, den Kunstraum ganz grundsätzlich, und buchstäblich, zu öffnen.

Entwurf für kein Museum belässt den Ausstellungsraum so gut wie leer. Nur eine Schlafstelle für mehrere Personen steht im Inneren zur Verfügung, und die im selben Gebäude befindliche Toilette gewährleistet den Zugang zu menschlichen Grundbedürfnissen. Oscar Cuetos Installation spielt sich größtenteils im Außenraum ab: dort wo die Mitarbeiter*innen der vor Ort ansässigen Unternehmen ihre täglichen Arbeitswege bestreiten, wo sie Mittagspause machen, wo hin und wieder Passant*innen vorbeikommen, die ihre Hunde ausführen. Entwurf für kein Museum findet in einem Übergangsraum statt, an einem Nicht-Ort, der im Sinne des Anthropologen Marc Augés im Unterschied zu historisch gewachsenen Städten nicht von Beziehungen und Identitäten lebt, sondern am Reißbrett konstruiert ist.

Oscar Cueto bespielt den Raum vor dem Kunstraum Lakeside, der abwechselnde Gras- und Betonflächen aufweist, mit einfachen Strukturen aus handelsüblichen Holzplatten. Er platziert diese Gebilde in unterschiedlichen Konfigurationen, als Tischchen, als Sitzgelegenheiten oder auch als Behälter für eine Palme. Zusammen bilden all diese Elemente unterschiedliche Raumtypologien aus, Räume etwa für Diskussion, für das kollektive Teilen von Geschichten, Räume, um in der Gegenwart über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken – Gemeinschaftsräume also. Cuetos Strukturen, die man durchaus als Skulpturen in Nachfolge der Minimal Art deuten könnte, sind aber nicht nur in ihrer Anordnung auf Gemeinschaftlichkeit angelegt, sondern auch in ihrer Form. Unter dem Motto „Konstruieren statt konsumieren“ stammt das Design nämlich vom Open-Source- und Do-It-Yourself-Projekt Hartz-IV-Möbel (Hartz IV war bis 2023 die Bezeichnung für Arbeitslosengeld in Deutschland) des Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel. Angesichts seiner wirtschaftlich prekären Situation hat dieser um 2010 Selbstbauanleitungen für Möbel im „Bauhaus“-Stil entworfen, deren Grundlage auf Ideen des sozialen Designs fußt.

Auch die Raumgebilde, die Oscar Cueto um den Kunstraum Lakeside gestaltet, sind für unterschiedliche Nutzungen angelegt. Die große Auslage des Kunstraums etwa wird punktuell zum Kino, in dem der Künstler Filme von Kolleg*innen wie Marie-Christine Camus, Marisa Raygoza, Larissa Escobedo, Israel Martinez, Yanieb Fabre und Juanjosé Rivas zeigt, die im Programm der vergangenen zehn Jahre des Bestehens von MUME Museo Mexicano an unterschiedlichen Orten vorgeführt wurden. Die Sitzskulpturen dienen hier als Kinoreihen. Auf einer weiteren Plattform vor dem Ausstellungsraum stehen dieselben Skulpturen im Kreis, sie laden zur gemeinschaftlichen Diskussion ein, eine Idee, die durch ein überdimensionales Megaphon in der Mitte der Diskutant*innen noch verstärkt wird. Eine aus denselben Holzplatten gebaute Rampe lädt ein, neue Blickwinkel einzunehmen und zukünftige, MUME inhärente Ideen wie Zusammenarbeit, Migration, geopolitische Umwälzungen am Horizont erkennen zu lassen. Im Inneren des Kunstraums dient ein Sitzobjekt wiederum als Nachtkästchen für die Schlafstelle, die der Künstler dort eingerichtet hat und die er temporär für Besucher*innen öffnet. Weitere Bauteile ergeben ein Bücherregal, das Publikationen des Kollektivs Fehras Publishing Practices als begleitende Lektüre anbietet. Der Schwerpunkt der Verlagsarbeit von Fehras liegt auf der Erforschung der Geschichte und Gegenwart des Publizierens unter den Bedingungen des soziopolitischen und kulturellen Umfelds im östlichen Mittelmeerraum, in Nordafrika und in der arabischen Diaspora.

Dem Do-It-Yourself-Ethos verpflichtet, ist Oscar Cuetos Ausstellung im Kunstraum Lakeside sowie noch viel allgemeiner das MUME Museo Mexicano per se eine Selbstbauanleitung. Keine Selbstbauanleitung für ein Museum, sondern eine Selbstbauanleitung für kein Museum. Eine Übung nicht im musealen Anhäufen und Bewahren von kulturellem Kapital, sondern in kultureller Haltung: ein Austarieren von immer neuen künstlerischen Strategien und Methoden sozialer Nachhaltigkeit, ein nach alle Richtungen hin offener Entwurf für ein Handlungsfeld, das von Autonomie, beständigem Lernen durch Tun, Kreativität statt Konsum, Ressourcenschonung durch Reparieren und Wiederverwerten und nicht zuletzt durch das der Gemeinschaft dienliche Teilen von Wissen geprägt ist. Im Kunstraum Lakeside und dem Wissenschafts- und Technologiepark steckt Entwurf für kein Museum wie der Stachel im Fleisch im Stachel des Fleisches. Oscar Cueto schreibt sich mit seinem Anti-Museum in ein institutionelles Script im Spannungsfeld wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Forschungen, Praktiken und Diskursformen ein. Wenn auch für die Vermittlung und Konfrontation divergenter Perspektiven auf geteilte gesellschaftliche Verhältnisse ausgelegt und aus einem widerständigen Geist heraus geboren, spielen dessen institutionelle (Selbst-)Beschränkungen jedoch wie in jeder anderen Institution eine entscheidende Rolle. Genau dieses Script legt Cueto offen.

Oscar Cueto (* 1976 in Mexiko) lebt und arbeitet in Wien und Mexiko Stadt.
www.oscarcueto.com

 
Publikation
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die Rückschau auf die Aktivitäten von MUME seit seiner Gründung im Jahr 2017 hält. Mit Beiträgen von Fehras Publishing Practices, Enar de Dios Rodríguez & Andrea Steves, Juan Pablo Macías, Lorena Moreno Vera, Maiz, Gabriela Sandoval, Carla Ripley, RRD, Frida Robles & Kathrin Heindrich, Israel Martínez, Miguel A. López, IN_SITE, Manuela Picallo Gil, Helena Tahir, PrivatePrint.

 

Oscar Cueto, MUME (Stuhlfelden, Salzburg), 2017 | Installationsannsicht